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Denkfabrik

Weil man glaubt, was man sieht: Visualisierung von Informationen und die Diskussion über die Klimaerwärmung


David Womack

David Womack

 

Inhaltsverzeichnis

Erstellt:
18. Oktober 2006
Schwierigkeitsgrad:
Fortgeschrittene
Produkte:
Photoshop, Illustrator

In seiner Kritik zum neuesten Film von Al Gore über die globale Erwärmung sagte Roger Friedman von Fox News: „Ob Sie Demokrat, Republikaner, Liberaler oder Konservativer sind, Ihre Meinung wird sich binnen einer Nanosekunde ändern.“ Dabei bezog er sich nicht auf Gore, wie er am Ufer eines gemächlich dahinströmenden Flusses über den Sinn des Lebens nachdenkt, oder auf Bilder von kollabierenden Gletschern oder von Eisbären, die auf der Suche nach dem verschwundenen Eis im offenen Ozean umherschwimmen. Er bezog sich auf ein bestimmtes Diagramm, das im Film zu sehen ist und die Temperaturschwankungen im Vergleich zum Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre in den vergangenen tausend Jahren zeigt. Ob Sie nun der in dem Film „An Inconvenient Truth“ (Eine unbequeme Wahrheit) aufgestellten Behauptung, dass sich die Erde durch den Einfluss des Menschen erwärmt, zustimmen oder nicht, hängt zu einem Großteil davon ab, wie Sie auf dieses eine Diagramm reagieren. Es überrascht nicht, dass dieses Diagramm und die darin enthaltenen Daten zu ausgedehnten Kontroversen geführt haben. Möglicherweise ist diese „Hockeyschläger-Grafik“, wie sie auf Grund ihrer charakteristischen Form genannt wird, eines der umstrittensten Beispiele grafisch dargestellter Informationen in der Geschichte der Wissenschaft.

Hockeyschläger-Grafik

Abb. 1: Die ursprüngliche „Hockeyschläger-Grafik“ aus dem dritten Bewertungsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change zeigt das Verhältnis zwischen der Temperatur und der Kohlendioxidkonzentration in den vergangenen 1000 Jahren.

Die Kritiker des Diagramms fahren schweres Geschütz auf. Die für die Originaldaten verantwortlichen Wissenschaftler wurden vor den Kongress zitiert, wo sie ihre Forschungsergebnisse verteidigen mussten. Ein Abgeordneter forderte sogar, die Bankunterlagen der Wissenschaftler auf Indizien für eine Bestechung zu untersuchen. Nicht nur die Daten selbst wurden unter die Lupe genommen, auch die Art der Darstellung wurde akribisch analysiert. In einem vom konservativen Heartland Institute veröffentlichten Artikel wird das Diagramm aus Gores Film als „Triumph der Datenmanipulation“ betrachtet. Neben anderen Kritikpunkten heißt es in dem Artikel, man könne nicht sagen, ob Erwärmungen einem Anstieg der Kohlendioxidkonzentration vorausgehen oder folgen. Außerdem sei die Skala entlang der vertikalen Y-Achse nicht eindeutig gekennzeichnet. Kaum jemals zuvor war ein Grafikdesign Gegenstand so intensiver Untersuchungen aus so vielen Blickwinkeln und von so vielen Mitspielern.

Diagramm

Abb. 2: Eine Folie aus Al Gores Präsentation.

Aber warum so viel Wirbel um ein einziges Diagramm? Mittlerweile gibt es bestimmt Millionen wissenschaftlicher Berichte über die Klimaveränderung und doch fahren Nachrichtenagenturen und Experten fort, sich ausgerechnet über die „Hockeyschläger-Grafik“ zu streiten. Nancy Duarte und Jill Martin von Duarte Design, der Firma, die seit 2003 die in Al Gores Film gezeigten Präsentationen entwirft und verfeinert, lehnen zwar einen Kommentar zum Diagramm selbst ab, äußern sich jedoch zu den Ursachen der geradezu obsessiven Beschäftigung mit der Grafik. „Unser Gehirn ist darauf programmiert, Eindrücke zunächst visuell und erst dann verbal zu verarbeiten“, so Duarte. Bei der Zusammenstellung von Grafiken für eine Präsentation „besteht das Ziel in einer sofortigen Informationsvermittlung. Man will eine unmittelbare Wirkung erzielen.“ Genau das ist dann die „Nanosekunde“, auf die sich Roger Friedman in seiner Kritik bezog. Bilder und Grafiken erzielen diese unmittelbare Wirkung, und wenn wir die Wahl zwischen Bildern und Worten haben, dann schauen wir immer zuerst auf die Bilder. Eine vor kurzem durchgeführte Umfrage der National Science Foundation zeigt, dass die Botschaft bei den Amerikanern angekommen ist: Über 90 % der erwachsenen US-Bürger haben bereits von der globalen Erwärmung gehört. Die Mehrheit betrachtet sie als „ernstes oder sehr ernstes“ Problem. Diese Werte sind besonders beeindruckend angesichts des allgemein geringen wissenschaftlichen Bildungsstandes: 50 % der erwachsenen US-Bürger wissen nicht, wie lange die Erde für eine komplette Umkreisung der Sonne benötigt.

Nach Auffassung von Duarte Design liegt der Schlüssel für eine wirkungsvolle Grafik darin, eine ausreichend überzeugende Menge an Details darzustellen, ohne von der Hauptaussage abzulenken. „Allgemein sollten die visuellen Eindrücke möglichst gering gehalten und störende Einflüsse aus dem Hintergrund eliminiert werden, um die eigentlich wichtige Aussage hervorzuheben.“ Wenn die Kernaussage hingegen zu aufdringlich präsentiert wird, leidet möglicherweise die Glaubwürdigkeit.

Alternatives Diagramm

Abb. 3: Aus diesem alternativen Diagramm geht hervor, dass die Temperaturen heute niedriger sind als während der mittelalterlichen Warmperiode. Von John Daly.

Die oben dargestellte Grafik wurde von Skeptikern der globalen Erwärmung präsentiert. Sie soll verdeutlichen, dass die Temperaturen im Grunde nicht steigen. Da dieses Diagramm nicht so viele Details zeigt wie die „Hockeyschläger-Grafik“, wirkt sie weniger glaubwürdig, weniger „wissenschaftlich“, ganz unabhängig von der Gültigkeit der zu Grunde liegenden Daten. Die Klimaerwärmung scheint uns ein komplizierter Vorgang zu sein, daher erwarten wir, dass Diagramme zu diesem Thema ähnlich kompliziert sein müssen. Wie Edward Tufte feinsinnig bemerkte, ist weniger oft zu wenig, wenn es um die Visualisierung von Informationen geht. Daher sollten Designer immer genau überlegen, ob es sich lohnt, eine gewisse Komplexität zu Gunsten der Klarheit zu opfern. „Gute Grafiken mit komplexen Informationen setzen viele Einzelinformationen so zueinander in Beziehung, dass die Kernaussage übermittelt wird, ohne auf Details zu verzichten oder das Konzept zu stark zu vereinfachen“, sagt Martin. „Vielmehr finden sie ein Gleichgewicht zwischen der Aussageintention und dem Datengehalt eines Streitgegenstandes und wirken daher belastbarer und interessanter.“ Obwohl die Kritiker der „Hockeyschläger-Grafik“ verschiedene andere Darstellungen eingebracht haben, sind nur wenige visuell so überzeugend wie das Original. Die unten dargestellte vereinfachte Grafik, der identische Daten zu Grunde liegen, dürfte nur diejenigen überzeugen, die ohnehin schon glauben, dass die aktuelle Klimaerwärmung Teil des natürlichen Zyklus ist.

Vereinfachte Grafik

Abb. 4: Aus dieser vereinfachten Grafik geht hervor, dass die Temperaturen heute niedriger sind als während der mittelalterlichen Warmperiode. Von David Wojick, PhD.

Die Autoren

David Womack ist Verfasser, Lektor und Berater und schreibt Artikel zu Design, Technologie und Kultur für Publikationen wie I.D., Print, Salon.com, Metropolis und Cabinet Magazine. Er war von 2000 bis 2004 Leiter für neue Medien bei AIGA und fungierte als Executive Editor bei GAIN: AIGA Journal of Business and Design sowie als Managing Editor bei VOICE: AIGA Journal of Design. Zusammen mit Steven Heller arbeitet er zurzeit an einem Buch über digitales Design, das 2007 bei Wiley and Sons erscheinen soll.